Eine dramatische Geschichte aud der zeit der politischen Turbolenzen in Europa seit 1968 bis zur Gegenwart –
Autor: Jozef Banáš,
aus dem Slowakischen übersetzt von Lydia Heinzl,
488 Seiten, 21,5 x 13,5 cm, laminierter Pappband mit Schutzumschlag, 635 g,
Erschienen: 22. September 2010, 1. Auflage, Deutsch
ISBN 13: 978-3-938706-25-1
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Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt hat dem Autor Jozef Banáš im Jahre 1990 in Wien gesagt: "Die Vergangenheit von jedem erkennen Sie daran, wie er sich heute verhält." Wer also während der totalitären Zeit anständig war, der ist auch jetzt anständig, wer schon damals unanständig war, bei dem ist es auch heute nicht anders.
Viele Szenen der Jubelzone lesen sich wie ein Geschichtsbuch. In knappen Szenen lässt der Autor Politiker, Militärs, Geheimdienstler zu Wort kommen, wie sie historischer Entscheidungen vorbereiten und treffen. Das beginnt im Moskauer Kreml beim Abwägen des Für und Wider beim Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 in die Tschechoslowakei und endet bei der Entmachtung von Gorbatschow und dem Zerfall der Sowjetunion. Überdies fesselt das Buch mit der Wiedergabe von Begebenheiten aus dem diplomatischen Alltag, wie sie nur jemand beschreiben kann, der dabei gewesen ist. Die Protagonisten des Buches sind verwoben mit Ereignissen wie den Studentenunruhen in West-Berlin, dem RAF-Terror in Westdeutschland, Willy Brandts Kniefall in Warschau, dem Rückzug der Roten Armee aus Afghanistan, der friedlichen Revolution in der DDR, der »samtenen« in der Tschechoslowakei und dem Fall der Berliner Mauer.
Jozef, Sascha, Thomas und die anderen in dem Buch sind keine Heldengestalten. Sie erleben die Ohnmacht des Individuums in totalitären Gesellschaften. Sie leiden unter Korruption, Misswirtschaft und der Unfähigkeit von Funktionären. Sie begehen Irrtümer und brauchen lange, um Lügen und Propagandabilder zu durchschauen. Sie sind der Versuchung ausgesetzt, Geheimdiensten ins Netz zu gehen und Verrat an Mitmenschen zu üben. Und sie fühlen sich gedemütigt, wenn sie um einiger Vorteile willen Kompromisse eingehen. Aber sie haben nie den Willen aufgegeben, anständig zu bleiben und nicht dem Beispiel der vielen »Wendehälse« nachzueifern, die nach der Umwälzung in post-sozialistischen Staaten skrupellos an ihren Karrieren arbeiteten. "Jetzt reden wir schon seit zwei Tagen", lässt der Autor seine Romanfigur Jozef zu seinem Freund Thomas sagen. Sie hatten sich, bedingt durch die Wirren der europäischen Teilung, fast vier Jahrzehnte nicht gesehen. "Aber wie soll man in zwei Tagen die ganze Geschichte Mitteleuropas durcharbeiten." Was sein anderes Ich im Buch für unmöglich hält, ist dem Autor auf lesenswerten 488 Seiten gelungen.
Jozef Banáš wurde am 27. September 1948 in Bratislava geboren. Im Jahr 1972 beendete er das Studium an der Wirtschaftshochschule in Bratislava. Er war Diplomat in der DDR (1983 bis 1988 als Presseattachée), und in Österreich (1990 bis 1992 als stellvertretender Botschafter der Tschechoslowakei). In den Jahren 2002 bis 2006 wirkte er als Abgeordneter des Nationalrates der Slowakischen Republik und wurde zum Vizepräsidenten der Parlamentarischen Versammlung der NATO gewählt.
Jozef Banáš hat über zweihundert Kommentare, vier TV-Inszenierungen, ein Filmdrehbuch, drei Theaterkomödien und sieben Bücher geschrieben. Die Satire Idioten in der Politik (2007), die Doku-Romane Jubelzone (2008) und Stoppt Dubcek! (2009) sind Bestseller in der Slowakei geworden.
Die Jubelzone erhielt in der Slowakei die Auszeichnung »Buch des Jahres 2008«, und erschien 2009 auch in der Tschechischen Republik und wurde in diesem Land das meißtverkaufte Buch eines slowakischen Schriftstellers. 2012 erscheint es auch auf Polnisch.
Von der ersten Seite an war ich völlig gefesselt von diesem Buch, das zum Literaturereignis der Gegenwart werden sollte. Die Jubelzone ist wirklich ein »mitteleuropäisches« Buch.
Tomas Fojtík, Tschechien
Wenn Sie keine Zeit haben, sich mit jungen Menschen über die Vergangenheit und die Gegenwart zu unterhalten, geben Sie ihnen dieses Buch.
Olgga Feldeková, Slowakei
Ich bin Thomas Angermann, der Freund von Jozef Banáš, mit dem ich ungewollt zur Vorlage für die Hauptdarsteller dieses Romans wurde. Als wir uns im Jahre 1969 in Neuwied verabschiedet haben,
ahnten wir nicht, dass wir uns dank eines unglaublichen Zufalls erst 37 Jahre später wieder begegnen. Es ist eine Geschichte von Europa, die uns verbindet.
Thomas Angermann, Deutschland
Ich hatte mehr als hundert Dienstreisen in die ehemalige Tschechoslowakei erlebt und habe heute noch beim Fahren an den Stellen, wo die Grenze war, ein fröstelndes Gefühl. Ich weiß, dass Banáš`s
Geschichte die Menschen in einem Atemzug lesen werden, damit der Stacheldraht, von dem ich auch noch ein Stück zu Hause habe, für uns als Warnung bleibt.
Franz Eder, Österreich
Obwohl der Roman mit der russischen Invasion im Jahre 1968, die sowohl die Freundschaft von einem Slowaken und Deutschen als auch die Liebe zwischen dem Slowaken und der Ukrainerin unterbrochen
hat, beginnt, hat er in mir positive Emotionen hervorgerufen. Der Autor streut mit einer ungewöhnlichen Ehrlichkeit Salz in die Wunden, die vielleicht noch gar nicht verheilt sind.
Irina Školniková, Russland
Kapitel 2
Das Auditorium der Technischen Universität in der Straße des 17. Juni in Berlin-Charlottenburg war so brechend voll, dass es kaum möglich war zu atmen. Über 3.000 Studenten aus der Bundesrepublik und Westberlin versammelten sich hier, um die amerikanische Aggression gegen Vietnam zu verurteilen. Obwohl erst Mitte Februar, war es im Saal ungewöhnlich warm und die Luft war verbraucht. Über dem Podium dominierte eine riesige Flagge des Vietkong mit der Aufschrift »Die vietnamesische Revolution wird siegen«. Darunter stand mit kleineren Buchstaben geschrieben: »Die Pflicht von jedem Revolutionär ist es, die Revolution zu verwirklichen«.
Thomas Ankermann reiste kurz vor Beginn der Veranstaltung mit dem Nachtzug aus Bonn an. Er wurde von der Verbindung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn geschickt. Er konnte seine Aufregung nicht verbergen. Heute wird er das erste Mal Rudi Dutschke live in Aktion sehen. Das Idol vieler jungen Menschen saß auf der linken Seite der Tribüne. Mit weichen, gutmütigen Augen schaute er in den Saal. Er war ein charismatischer Mensch mit eckigem Gesicht, gutmütigem Lächeln und langen dunklen Haaren, die an manchen Stellen lockig wurden. Ein talentierter Redner. Seine Gegner versuchten, ihn zu missachten, indem sie ständig an seine ostdeutsche Herkunft erinnerten und inoffiziell Informationen verbreiteten, dass er ein Jude sei.
Thomas verschlang ihn mit den Augen. Ihm war aufgefallen, dass der Führer der linken deutschen Studentenbewegung überraschend weich und scheu wirkte. Die Aufregung im Saal wuchs und als Rudi das Mikrophon in die Hand nahm, fing der Saal an, seinen Namen im Chor zu wiederholen. Rudi lächelte und begann zu reden. Anfangs sprach er sehr ruhig, aber sein Ausdruck wurde immer kämpferischer und überzeugender. Er rief zum organisierten antiimperialistischen Kampf auf. Die Studentenmenge pfiff begeistert, trampelte und klatschte. Neben Rudi saß der chilenische Student Gaston Salvatore, der eine Zigarette nach der anderen rauchte. Thomas hatte es gestört, dass im Saal geraucht wurde, aber die Begeisterung riss ihn mit. Voller Eindrücke von dieser Atmosphäre und vor allem von diesem Mann, der in den nächsten Jahren sein Schicksal bestimmen würde, kehrte Thomas nach Bonn zurück. Er war von diesem Rudi Dutschke fasziniert, denn er drückte genau seine eigenen inneren Gefühle aus und suchte die Antworten auf die Fragen auf die gleiche Art und Weise wie er selbst.
Rudi Dutschke wurde zum anerkannten Führer der deutschen Jugend. Sein Motto »In der völligen Ergebung der Wahrheit liegt der Sinn unseres Lebens« entzückte die neue Nachkriegsgeneration. Die Studentenunruhen, die sich in der Mitte der siebziger Jahre im Land vermehrten, erreichten im Jahre 1968 ihren Höhepunkt. Die Studenten protestierten am Anfang gegen die Verhältnisse an den deutschen Universitäten, doch später verlagerte sich der Hauptzug der Unzufriedenheit in den ideologischen Bereich. Außer der Kritik am deutschen Wertesystem wurden immer öfter die Parolen gegen die amerikanische Aggression in Vietnam und das geplante Gesetz der Notlage hochgehalten. Es bildete sich eine starke außerparlamentarische Opposition APO, deren Kern der Sozialistische Deutsche Studentenbund war.
Trotz des fast wundersamen Wirtschaftswachstums stieg auch die Unzufriedenheit, vor allem bei den Intellektuellen. Der Grund dafür war einfach: Die Unfähigkeit oder eher der mangelnde Wille, sich mit der eigenen nazistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das offizielle westdeutsche Geständnis des Bösen wurde nie durch ungefälschte individuelle Anerkennung der Verantwortung begleitet. Ohne direktes Zugeben dessen, was in der Vergangenheit geschehen war, sahen junge Intellektuelle die Probleme Deutschlands durch das Prisma der Versagen gar nicht so im Nazismus, sondern eher in der Bonner Republik. Und somit stellte die westdeutsche Nachkriegsdemokratie für Rudi Dutschke, Peter Schneider oder die jüngeren Andreas Baader oder Rainer Werner Fassbinder keine Lösung dar. Sie war eher ein Problem. Die durch die Amerikaner unterstützte Regierung setzte auf Konsum in der Hoffnung, dass die neue Generation im wachsenden Wohlstand schneller das Versagen der Eltern vergisst. Im Land wurden die ersten Supermärkte gebaut, die Haushalte wurden mit Kühlschränken, Waschmaschinen, Fernsehern und allmählich auch mit Autos ausgestattet. Sehr beliebt war vor allem der »Käfer«, wie man das Auto von Volkswagen nannte.
Materielle Erfolge der Eltern, überwiegend aber der deutschen Frauen, die das neue Deutschland aufgebaut hatten, waren aber befleckt mit dem moralischen Erbe. Falls es irgendwann eine Generation gab, deren Widerstand auf Ablehnung von allem basierte, was die Eltern darstellten – nationaler Stolz, Nazismus, Geld, Wohlstand, Frieden, Stabilität, Recht, Demokratie – waren es »Hitlers Kinder«, die westdeutschen Radikalen der sechziger Jahre. Die überfüllten Wohnheime und Klassen, reservierte und unnahbare Professoren, von denen fast jeder etwas mit dem nazistischen Regime zu tun hatte, fader Lehrvorgang ohne Kreativitätsentfaltung: Wenn wir das alles dazurechnen, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Druck an einer Stelle durchbrach.
Den fruchtbarsten Boden bot die Freie Universität Berlin, die im Jahre 1948 gegründet wurde, als Ausgleich dafür, dass die traditionelle Humboldt-Universität sich in der kommunistischen sowjetischen Zone befand. Die Freie Universität besuchten viele radikal gesinnte Studenten. Nicht nur wegen der offenen Atmosphäre, die hier herrschte, sondern auch aus einem ganz einfachen Grund: So konnten sie sich vor der Wehrpflicht drücken. Westberlin, eine isolierte Insel im Herzen des internationalen Geschehens, war trotz des Umstands, dass es durch eine fast 200 Kilometer lange Mauer umgeben wurde, frei. Sie wurde Stück für Stück zum Zentrum der antiamerikanischen Studentenrevolte, obwohl Westberlin paradoxerweise nur dank amerikanischer Hilfe und der Anwesenheit der amerikanischen Soldaten existieren konnte. Der Krieg der USA in Vietnam wurde zum Ersatzthema der fehlenden Diskussion über eigene Kriegsverbrechen Deutschlands. Die überwiegend links orientierte deutsche Jugend sah keinen Sinn in der scheinheiligen, durch Amerikaner vorgegebenen Demokratie. Mit großem Interesse verfolgten sie die Entwicklung in der benachbarten Tschechoslowakei, in der der charismatische kommunistische Führer, der Slowake Alexander Dubcek, sich um Reformen des stalinistischen Kommunismus bemühte. Die Begeisterung imponierte ihnen, mit der die Tschechen und Slowaken Dubcek unterstützten. Politiker des »demokratischen« Deutschlands konnten von solch einer Unterstützung nur träumen.
Thomas überraschten Dutschkes Worte, mit denen er seinen neuerlichen Besuch von Prag bewertete. Er hatte den verwunderten tschechischen Studenten die Unsinnigkeit und Ausweglosigkeit des realen Kapitalismus erklärt. Und sie hatten ihm wiederum die Unsinnigkeit und Ausweglosigkeit des realen Sozialismus erläutert. Dutschke war aber selbst im gewissen Sinne ein Zögling des realen Sozialismus, denn er wurde geboren und wuchs auf in Luckenwalde, das sich in der sowjetischen Besatzungszone befand – seit 1949 die DDR genannt.
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