Die Schnauze lebt – Der gefälschte Goebbels

Klaus Funke (D)

 

Buch, Softcover, 480 Seiten, 21,0 x 15 cm, erscheint: 01.09.2017, 1. Auflage, Deutsch, ISBN: 978-3-906212-30-2

 

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Beschreibung

Die Schnauze lebt – Der gefälschte Goebbels

Man schreibt das Jahr 1957. Dr. Joseph Goebbels ist wieder aufgetaucht. Vor ausgewählten Zuhörern hält er seine ersten schwungvollen Reden. Was wie eine Provinzposse aussieht, entpuppt sich bald als politische Sensation. Tatsächlich entwickelt sich der kleine Ort, Nähe Wiesbadens zu einem Wallfahrtsort für alte und neue Nazis, ehemalige Parteibonzen, für hoch dekorierte Offiziere der Wehrmacht und anderer ewig Gestriger ... 

 

Zurück im Jahr 1939 wird die tragische Geschichte der Geliebten des Reichsministers, einer polnischen Schauspielerin namens Maria Lescynska, erzählt. Der Leser grandiose Einblicke in den Alltag des Filmgeschäftes im Dritten Reich und in das Leben sowie die Psyche des Joseph Goebbels. Jene Maria Lescynska, ein Filmsternchen, ist die Geliebte von Goebbels. Sie hat kurz nach ihrer Bekanntschaft von dem allmächtigen Minister ein Kind bekommen, das dieser sofort nach der Geburt verschwinden lassen will. Sie soll ins Exil. 

 

Im dritten Teil wird Maria Lescynska, nach Ende des Krieges in der Schweiz lebend, informiert, Goebbels sei wieder auferstanden. Sie fährt nach Deutschland, will diesen Goebbels wiedersehen, zur Rede stellen und unbedingt erfahren, wo ihr Kind ist. Als sie vor dem Minister steht, wird sie den Gedanken nicht los, ist das der echte Goebbels oder doch eine Fälschung? Die Geschichte spitzt sich zu dramatisch zu ... 

 

Das Buch ist eine Parabel auf die noch immer nicht bewältigte Nazi-Vergangenheit in Deutschland und zeigt bestätigend das Brecht-Wort „Der Geist ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Gut lesbar und exakt recherchiert, ist es zugleich ein amüsantes, aber auch notwendiges Buch, vielleicht sogar wichtig als Pendant zu einer unerfreulichen Welle von Nostalgie und kritikloser Geschichtsaufarbeitung, die sich in den letzten Jahren breitgemacht hat.


Der Autor

Klaus Funke, geboren am 17.02.1947, wuchs in einer künstlerisch interessierten Familie in Dresden auf, lernte Klavier an der Musikschule Dresden und besuchte zahlreiche Kurse in der Kunstakademie Dresden. 

Nach dem Abitur, 1965, an der Kreuzschule Dresden hatte er zunächst die Absicht Kunstgeschichte und Germanistik zu studieren, entschloss sich dann aber für das Studium der Agrarwissenschaften. 

Schon früh begann Klaus Funke zu schreiben. Aber erst spät, mit 55 Jahren, trat er damit an die Öffentlichkeit. Er schreibt vor allem Romane, Prosatexte, Novellen und Erzählungen, Kurzgeschichten, auch Märchen und Bühnentexte.

Ein erster Text mit dem Titel „Der große Verdruss“ erschien im Jahr 2003 und ein Jahr später ein Zweiter, diesmal eine Novelle mit dem Titel „Kammermusik“, beides im Verlag die Scheune Dresden veröffentlicht. 

Er zeigt eine große Affinität zu allem musikalischen Richtungen und widmet sich dann intensivst diesem Thema. So schrieb er Novellen über Clara Schumann, Johannes Brahms, einen Roman über Hans von Bülow sowie einen über Paganini. 

Mit diesem Thema, das sich mit der Kultur, besonders der Musik- und der Geisteswissenschaften im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beschäftigt, setzt er sich auch in weiteren Vorhaben wie z.B. „Zeit für Unsterblichkeit“, einem Roman über Sergej Rachmaninow, auseinander, der 2008 erschien und dessen weiterführender Band „Rachmaninow – Zeit der Musen, Zeit der Dämonen“ in Kürze erscheinen wird. Ein dritter Band „Auf der anderen Seite der Welt“ ist geplant und vervollständigt dann seine Rachmaninow-Trilogie. Für die Arbeit an dem Stoff zu „Zeit für Unsterblichkeit“ erhielt Klaus Funke im Jahr 2006 das „Literaturstipendium des Freistaates Sachsen“. 

An einem Roman-Text über die Künstlerfreundschaft Karl May und Sascha Schneider mit dem Titel „Die Geistesbrüder“ arbeitete er zuletzt. Dieser Roman ist im Frühjahr 2013 im Husum Verlag erschienen. 

Ebenfalls bei Husum veröffentlichte Funke im Herbst 2013 ein Roman mit dem Titel „Heimgang“. Diesmal kein historischer Stoff. Er behandelt das DDR-Grenzregime und ist von großer politischer Aktualität und Brisanz. 

Weitere Romane und Novellen, darunter der Erzählband „Das Doppelte Ich“, welcher E.T.A. Hoffmann gewidmet ist und aus welchem die Novelle „Der Fremde mit den gelben Augen“ in 2012 erschien, der Roman „Der falsche Jude“ (2012 veröffentlicht), der sich mit jüdischer Identität und der Problematik des Holocaust auseinandersetzt, sowie eine noch unveröffentlichte zweiteilige Novelle zum Thema der 68íger Bewegung mit dem Titel „Der Schattenplatz“. 

Besonders hervorzuheben sind seine erzgebirgischen Erzählungen „Kleinolberndorf“ (2008 erschienen im Husum Verlag, mit Illustrationen von Curt Querner). 

Literaturkritiken, Rezensionen sowie Feuilletons und Theatertexte gehören ebenfalls zu seinem Arbeitsspektrum. 

Die Novelle „Abschied am Fluss“ aus dem Buch „Am Ende war alles Musik“ wurde im Frühjahr 2010 als Hörspiel (mit Rolf Hoppe, Dagmar Manzel, Matthias Brandt u.a.) vom MDR produziert und im Rahmen der „Schumann-Wochen“ vom MDR-Figaro im Juni 2010 gesendet. 

Das hier vorliegende Werk über Joseph Goebbels mit dem provokanten Titel „Die Schnauze lebt“ erschien erstmals im schweizerisch-deutschem Weltbuch Verlag.

Klaus Funke lebt in Dresden, ist verheiratet, hat zwei Töchter und arbeitet als freiberuflicher Schriftsteller.


Leseprobe

Erster Teil:

Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!

Und wenn die Engländer sagen, ich wäre tot, so ist das eine Lüge. 

Ich bin nicht tot. Ich lebe und erfreue mich, wie Sie sehen, bester Gesundheit. Heute am 29. Oktober des Jahres 1957, nur 12 Jahre nach dem so schmählichen Kriegsende, an meinem sechzigsten Geburtstag stehe ich hier und rede zu Ihnen. Was bedarf es noch eines besseren Beweises? 

Der Mann, der diese Worte spricht, sitzt in seinem neuen Büro hinter einem ausladenden Schreibtisch, vor einer barocken, schweren Schrankwand. An der Wand ein großes Bild des Schauspielers Heinrich George. Ein Ölgemälde. Es trägt einen Trauerflor. Weiter rechts ein kleineres Bild. Es zeigt den Bundespräsidenten Theodor Heuss. 

Das Büro befindet sich in einer alten, aber ausgebauten, etwas abseits stehenden Scheune, auf dem Hof des Bauern Franz Nimrod am Ortsrand des hessischen 100-Seelen-Dörfchens Wisper, das nur eine Handvoll Kilometer weg von der großen Stadt Wiesbaden liegt. Durch das einen Spalt geöffnete Fenster hört man leise aber vernehmlich die Geräusche des Bauernhofes. Hühnergackern, Gänseschnattern, Kettenrasseln im Kuhstall, ein Hund bellt, eine klappernde Erntemaschine wird von einem blubbernden Lanz über den Hof gezogen. Und es riecht auch ein wenig. Der Bauer hat den ganzen Tag Jauche auf die Felder gefahren. 

Schade, dass er für den Anfang mit dieser bäuerlichen Absteige vorlieb nehmen muss, aber es wird schon wieder aufwärts gehen. Dafür wird die Vorsehung sorgen.

Der Mann, der da in diesem Büro sitzt, wirkt in dem großen Raum klein, schmal und hager, einem Kanzlisten ähnlich, mit einem auffallend breiten Mund und abstehenden Ohren. Er hat die Worte in einen Handspiegel gesprochen, den er vor sich hält. Indes, mit seinem Anblick scheint er nicht zufrieden, er runzelt die Stirn, dann sucht er nach dem Kamm und einem geeigneten Haarwasser. Als er beides gefunden, glättet und kämmt er sein volles, wiewohl ein wenig strähniges, schwarzes Haar, streicht sich selbstverliebt mit der Hand über den Hinterkopf, wirft einen Blick in den Spiegel, lächelt zufrieden. 

Ja, so ist es gut, so kann er sich sehen lassen, wenn er vor den Auserwählten und Erlesenen, die sein Gönner und Freund, der Oberregierungsrat a.D. Hubertus Graf Hochstetten, hierher nach Wisper eingeladen hat, seinen erstes großen Auftritt haben wird. Den ersten Auftritt nach 12 Jahren. Wenn das der Martin wüsste, dieser Schleimscheißer, flüstert der Mann. Er lächelt maliziös. Mechanisch greift der Mann an den Schlipsknoten, rückt daran herum, tastet mit den Fingerspitzen an das Revers seines Jacketts. Nein, das Abzeichen hat er noch nicht angesteckt. Dazu ist immer noch Zeit. Er verwahrt es in der obersten Schublade seines Schreibtisches. Er zieht die Taschenuhr. Hm, macht er, noch zwei Stunden und achtundzwanzig Minuten…

* * *

Als sich an diesem Tag, dem 29. Oktober 1957, am Morgen gegen zehn Uhr der Oberregierungsrat a.D. Graf Hochstetten zu Fuß durch die Innenstadt Wiesbadens zum Amtssitz des Regierungspräsidenten des Landes Hessen begab, schauten ihm viele Passanten lange nach. Man tuschelte. Vor ein paar Tagen war der neue Regierungspräsident Dr. Alois Bruchstetter feierlich in sein Amt eingeführt worden. Und es war aufgefallen, dass der Oberregierungsrat a.D. Graf Hochstetten, wiewohl seit Jahren außer Dienst, aber dennoch eingeladen, dieser Zeremonie ferngeblieben war. Hochstetten, bis zum Kriegsende im Amt, musste, obwohl niemals verurteilt oder angeklagt, wegen seiner Verstrickungen zum Regime der Nationalsozialisten, nach dem Willen der Besatzungsmacht noch im Sommer 45 seinen Hut nehmen. Seit dieser Zeit hat er sich fern von Wiesbaden in einer Art freiwilligem Exil in einem Dörfchen, wo er ein Landhaus besaß, aufgehalten und sonst kaum sehen lassen. Manchmal wurde er, verschwiegen und diskret, von den Regierenden des Landes um seine Meinung gefragt. Ganz selten war er zu offiziellen Anlässen erschienen. Aber es galt der Graf Hochstetten als die heimliche Macht im Lande Hessen, als die immer noch waltende Autorität, als einer, der die Fäden in der Hand zu halten wusste, ja, der sie offenbar nie ganz aus der Hand gegeben hatte. Äußerlich trat er bescheiden und vornehm auf, leise und immer mit einem feinen Lächeln. Sein weißes, tief in die Stirn gewachsenes Haar trug er gescheitelt, das Oberlippenbärtchen wohlverschnitten. Häufig rauchte er Zigarren. Am Ringfinger sah man einen schweren schwarzgoldenen Siegelring. Auch trug er ein kleines, zierliches Spazierstöckchen, mit dem er, sprach man ihn auf der Straße an, kreisende Bewegungen zu machen pflegte. Zweifellos war er eine bemerkenswerte Erscheinung, dieser Graf Hochstetten. Manche grüßten ihn wie sie ihn schon vor dem Kriegsende gegrüßt hatten, wiewohl sie jetzt, danach befragt, häufig nicht gleich wussten oder sich nicht recht erinnern konnten, woher sie ihn kannten. 

Als er jetzt, durch die Innenstadt Wiesbadens gehend verspätet, dem neuen Präsidenten seine Aufwartung machte, fragten sich viele, an denen er vorbei kam, tuschelten hinter vorgehaltener Hand, wie er und der neue Mann im Amt sich wohl zueinander stellen würden. 

Es war ein freundlicher Herbsttag, die Sonne stand in einem beinahe wolkenlosen Himmel, dennoch war es frisch, dass einen frösteln konnte, denn vom Hinteren Taunus und aus dem Wispertal heraus wehte bis zum Rheintal hin ein kühler fast schon frostiger Wind. 

Hochstetten bog mit einem feinen Lächeln in die lange, prächtige Wilhelmstraße ein, welche ihn über die Taunusstraße dann zu seinem Ziel, dem Staatspräsidium, in der ehrwürdigen GeorgAugustZinnStraße führen würde. Mit seinem geübten Auge nahm er wahr, dass an vielen öffentlichen Gebäuden, in den Schaufenstern der Läden und Kaufhäuser, an den Litfaßsäulen, überall waren die großformatigen Fotografien seines alten Freundes Alois Bruchstetter zu sehen. Mit schräg gehaltenem Kopf und natürlich mit einem Lächeln besah der Oberregierungsrat a.D. im Vorübergehen diese Bildnisse. Auf schmalen, zurückgebogenen Schultern saß da ein kantiger, fleischloser Kopf, schaute den Betrachter an, lächelte nicht, blickte ernst und tief aus übergroßen blauen, glanzlosen Augen. 

Wie lange hatte er, Hochstetten, diesen Kopf nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen? 

Zwanzig Jahre, zweiundzwanzig Jahre? Er rechnete nach: Seit dem Kriegsende sind zwölf Jahre vergangen, davor die zwölf glorreichen Jahre des Reiches. Ja, zweiundzwanzig Jahre ungefähr, denn gleich nach der Machtergreifung war sein alter Jugendfreund und Amtskollege Bruchstetter verschwunden. Ein paar Jahre soll er in der Albrechtstraße und an anderen Orten eingesessen haben, danach, so hieß es, habe er sich in die Schweiz abgesetzt. Dann ist er plötzlich wieder da gewesen, aus seinem Schweizer Exil. In den ersten Monaten nach dem Kriegsende war das. Und da hat er sich natürlich den Amerikanern auch gleich zur Verfügung gestellt. Mit seinen Erfahrungen aus der Weimarer Zeit. Und als Verfolgter. Freilich, Sozialdemokraten haben die Amerikaner nicht so gerne genommen, aber sie hatten ja niemanden anderen. Müsste jetzt fast sechzig sein, der Alois. Das letzte Mal hat er ihn im Sommer dreiunddreißig getroffen, aber da war er, Hochstetten gegen ihn voll wohlwollender Verachtung gewesen, denn er war auf seinem Sonnenplatz angekommen, während Bruchstetten, schon abgelöst und unmittelbar vor seinem Schattendasein und der Inhaftierung gestanden war; oh, er weiß noch, kurz vor dieser letzten Begegnung hatte der Führer ihm, dem neu ernannten Oberregierungsrat und Parteigenossen, die Hand getätschelt und ihn dann übermütig in die Wange gekniffen, als sie in Wiesbaden auf einer Parteikundgebung den Wahlsieg gefeiert hatten. Und er weiß noch, wie seine Frau, als er heimkam, die Wange begutachtet hat. Was, dorthinein hat der Führer gekniffen? Soll ich ein Foto machen? 

Einmal, das ist vielleicht vor fünf Jahren gewesen, da hat er den Bruchstetter bei einem Empfang in der Staatskanzlei gesehen. Aber da haben sie sich nicht einmal Guten Tag gesagt… 

Und jetzt endlich hat dieser kleine, von ihm verachtete Bruchstetten die ersehnte Karriere gemacht, ist oben angekommen, nach Jahren des Dienens und Arbeitens, sitzt er nun auf dem Präsidentenstuhl, herrscht in diesem reichen Lande Hessen, während er selber, der ehemalige Oberregierungsrat Graf Hochstetten, hier bloß als Privatier lebt. Dabei stünde er, wenn der Krieg anders ausgegangen wäre, mindestens an selber Stelle, wenn er nicht noch weiter aufgestiegen, vielleicht nach Berlin oder in eine der neuen Provinzen gekommen wäre. Nun aber lebt er als Privatmann; denn er war gezwungen gewesen seinen Hut zu nehmen, gezwungen, auf einen Teil seiner Pension, auf Vorteile und Ehrenämter zu verzichten. Gut um eine Verurteilung ist er herumgekommen und die entehrende Prozedur der sogenannten Entnazifizierung hat er überstanden, vielleicht auch, weil es ein paar gab, die das so wollten und die ihm noch immer wohlgesonnen waren, er weiß das nicht so genau, will es auch nicht wissen; aber wenn sie ihn auf der Straße grüßen und dabei murmeln „alles Gute, Herr Oberregierungsrat“, so ist das, wenn nicht gar Heuchelei, so doch schiere Höflichkeit und nichts weiter.  

Trotzdem spürt Hochstetten auch jetzt, wie er die Plakate mit den Porträts des neuen Präsidenten im Vorbeigehen mustert, dieselbe leise, mit ein wenig Spott und Wohlwollen vermischte Geringschätzung, die er, der Gleichaltrige, damals schon für den Jungen, den Schulkameraden und Mitstudenten Bruchstetter empfunden hat. Alois Bruchstetter, oder vollständig: Alois Maria Bruchstetter, stammte aus einer alteingesessenen Wiesbadener Familie, er war nicht unintelligent, sogar hochbegabt, auch künstlerlisch ambitioniert. So spielte er Klavier und verstand ganz vortrefflich zu zeichnen. Aber eine dumme Geschichte schmälerte das Ansehen der Familie. Ein gewisser Traugott Bruchstetter, Urgroßvater des Alois, hatte im deutschfranzösischen Krieg, ausgerechnet am Vorabend der Schlacht von Sedan, nämlich am 31. August 1871, sein Gewehr weggeworfen und war desertiert. Der Grund war irgendeine Weibergeschichte. Man wusste nicht viel davon. Doch dieser Makel der Fahnenflucht haftete nun auch an seinem Urenkel Alois, der, sowieso schon eine Riesenscham wegen seines zweiten Vornamens „Maria“ empfand, jetzt aber glaubte, sein heiliger Auftrag wäre es, die Schande des Urgroßvaters vom Namen der Familie Bruchstetten abwaschen zu müssen. In den Weltkrieg hatte er erst in den letzten Kriegstagen, im Spätsommer 1918, ziehen können, weil er noch nicht 18 Jahre alt gewesen war. Hernach gab es keine Gelegenheit mehr, sich auszuzeichnen. Alois wollte zuerst das Abitur nachholen, dann ein Studium aufnehmen, Rechtswissenschaften und Philosophie. Dort, unter den Schülern, später unter den Studenten, strengte der dürre, blutlose Junge sich an, Gesicht und Haltung groß und würdig erscheinen zu lassen, hatte sich, wiewohl schwächlich und ungeschickt, krampfig stolz unter den anderen gereckt. Allein diese erzwungene Forschheit hatte die Kameraden nur gereizt, sich mit hemmungsloser Freude über ihn lustig zu machen. Was für Spitznamen hatten sie ihm doch in der Schule und auf der Universität gegeben? Graf Hochstetten zog die Stirn in Falten, blieb stehen, überlegte, aber ihm wollten die Namen nicht mehr einfallen. Jedenfalls hatte Bruchstetter sich Ende der Zwanziger den Proleten zugewandt, hatte den „Vorwärts“ gelesen, war zu Versammlungen der Sozis gegangen, glaubte endlich bei den richtigen Leuten zu sein, für welche die einstige Familienschmach keine große Rolle spielte. Neunundzwanzig wurde er in den Landtag gewählt, wurde einer der Sprecher der Sozialdemokraten, arbeitete als Referent in der Landesregierung, glaubte aufzusteigen… dann aber kam die „Kampfzeit“ der Nationalsozialisten und Bruchstetter geriet zusehends ins Visier der Bewegung.

Es wird nicht ganz einfach, sagte sich Hochstetten, dem guten Alois nach so langen Jahren und unter so veränderten Umständen gegenüberzustehen. Noch ein paar Schritte und der Oberregierungsrat Graf Hochstetten war am Sitz des Staatspräsidiums angelangt. Mit einem Seufzer schaute er hoch, besah die Front des prächtigen Gebäudes.

Ein uniformierter Staatsdiener riss vor ihm die Flügeltür auf. 

Willkommen, Herr Oberregierungsrat, wünsche allzeit Gesundheit. Wohin belieben… ah, ich weiß, zum Herrn Präsidenten Dr. Bruchstetter, dort die Glastür, wenn ich bitten darf, dann den Gang links, die dritte Tür ist das Sekretariat des Präsidenten… und der Uniformierte wollte vorauseilen.

Hochstetten nickt jovial. Ja, ja, schon gut, mein Lieber, bemühen Sie sich nicht weiter, ich weiß schon noch, wer hier wo sitzt. War selber hier lange Jahre… er bricht ab. Der Angestellte nickt verständnisvoll und tritt beiseite. Gewiss, Herr Oberregierungsrat…

Die Beziehungen des Oberregierungsrates a.D. zur Landesregierung und ihren Gliederungen waren kompliziert und von gegenseitigem Belauern und Misstrauen gekennzeichnet. In den jetzigen Regierungskreisen, welche vornehmlich der SPD und den Liberaldemokraten verpflichtet waren, hielt man ihn, den Graf Hochstetten, den Oberregierungsrat a.D., für einen gefährlichen Gegner, der die neue gewünschte Nachkriegsordnung aus tiefster Überzeugung ablehnte, besonders, weil er sich auskannte im Lande Hessen, weil er viele ehemalige Beamte und Mitarbeiter, die ihr Parteibuch nach dem Kriegsende einfach ausgetauscht hatten, persönlich und mit Namen kannte, weil er auf dem Lande und in den kleineren Städten, wo man von den Sozialdemokraten nicht viel hielt, wo man bis auf die letzten Kriegsmonate gut gelebt und beste Geschäfte gemacht hatte, noch immer zahlreiche Freunde und Anhänger hatte. Ja, es gab nicht wenige ehemalige Parteigenossen und Freunde, die darauf hofften, dass es bald wieder anders käme, die den Gerüchten, der Führer, Martin Bormann und ein paar andere noch, seien keineswegs tot, nein, sie lebten im fernen Südamerika und warteten auf ihre Rückkehr und die Rehabilitation; kein Wunder, dass mancher sogar das Parteibuch, wie auch Orden und Ehrenzeichen, einige sogar die Hitlerbibel „Mein Kampf“ in einem stillen Winkel, auf Dachböden, in Schuppen oder Ställen versteckt und aufgehoben hatten. 

Wie werden diese Konflikte sein Gespräch mit Bruchstetter überschatten, überlegt der Oberregierungsrat wie er jetzt den stillen Gang zum Sekretariat entlang geht, wie wird sich ihr Verhältnis gestalten, wie wird ihn der neue Präsident Bruchstetter aufnehmen und empfangen, der Schulfreund, der die spöttisch mitleidige Verachtung von damals bestimmt nicht vergessen haben wird. Dennoch, der Oberregierungsrat a.D. fühlt sich dem neuen Präsidenten überlegen im Wiesbaden von heute wie überhaupt im jetzigen Deutschland zählte Geld, nichts sonst. Hier im grünen Herzen, in Hessen aber, inmitten eines misstrauischen, konservativen und stolzen Volkes muss man seinen Ruf verteidigen, muss man Bodenständigkeit, Leistung und Persönlichkeit zeigen. Er, Hochstetten, war beliebt, geachtet, war einer von ihnen. Er kann diesem neuen Mann, seinem alten Schulfreund, als eine Macht gegenüber treten, die überaus real ist, obwohl er sich weder auf ein Amt, noch auf Verträge oder irgendeine Partei stützen kann.

Graf Hochstetten ist vor der Sekretariatstür angelangt. Eine prachtvolle Arbeit, Nussbaum poliert, mit einem Messinggriff. Er kennt sie aus den Tagen des Reiches. Als er die Klinke niederdrückt, stürmen Tausend Erinnerungen auf ihn ein. Ein wenig amüsiert, auch mit einem Stirnrunzeln liest er das Messingschild: „Sekretariat des Regierungspräsidenten Dr. Alois Bruchstetter – Frau Gerlinde Grotzuhn“. Aha, schmunzelt Hochstetten, das „Maria“ hat er weggelassen.