Der Richtigspieler

Ein Biografischer Roman über Willem Mengelberg

Michael Schmidt (D)

 

Buch, Softcover, 260 Seiten, 21,0 x 15 cm, erscheint: 28.04.2017, 1. Auflage, Deutsch, ISBN: 978-3-906212-27-2

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Beschreibung

Der richtigspieler – Ein Biografischer Roman über Willem Mengelberg

Hat der Journalist, der den holländischen Dirigenten Willem Mengelberg im Schweizer Exil besucht, gemeint, er könne ein normales Interview führen? Es wird ein Monolog: Nach Jahren des erzwungen Schweigens redet der alte Maestro – drei Tage lang. Er redet sich buchstäblich zu Tode. Warum Beethoven nur bei ihm, Mengelberg, richtig klang – jetzt kann es heraus. Daß aber Mahler der größte aller Komponisten war, und dazu noch sein bester Freund – die Welt soll es wissen. Auch über das Unbegreifliche ist zu reden: warum Mengelberg mit den deutschen Besatzern kollaboriert hat. Dafür wurde er mit Amtsenthebung bestraft. Doch hat ihm nicht gerade die Vertrautheit mit den Nazi-Größen erlaubt, das Schlimme zu mildern, Menschenleben zu retten? Mit von Fieberschüben befeuerter Bitterkeit geißelt der gestürzte Pultstar die Scheinheiligkeit der Welt. In ihr gehe es nicht darum, was einer gesagt und getan habe, sondern nur wann und vor welchem Hintergrund.

Michael Schmidts biografischer Roman über Willem Mengelberg handelt von den Verstrickungen, in die geraten kann, wer die Zeit, in der er lebt, nicht mehr versteht – und von den Stricken, die Andere den Betroffenen mit Vorbedacht aus solchen Verstrickungen drehen. Deshalb spricht aus dem Text auch das Erstaunen darüber, wie ein großer Künstler des 20. Jahrhunderts vergessen wurde – weil er vergessen werden sollte.


Der Autor

Michael Schmidt wurde 1962 in in Pirna geboren. Er studierte Werkstoffwissenschaft an der TU Bergakademie Freiberg und arbeitete folgend in einem Forschungsinsitut. Von 1991 bis 2003 war er Berater und Texter bei der Werbeagentur Scholz & Friends. Danach leitete er eine eigene Werbeagentur in Dresden.

Er hat bereits zwei Sachbücher veröffentlicht („Die alten Steine“, Rostock, Hinstorff, 1998; „Bauchrede für Kopfmenschen“, Wiesbaden, CO.IN Medien, 2008, zusammen mit Olaf Schumann)


Einführung

Im Januar ahnten nur die Hellsichtigsten unter den Bewohnern des erst halb beräumten Ruinengrundstücks Europa, daß mit dem neuen Jahr 1951 etwas nicht stimmen mochte. Wie in allen Jahren der Menschheitsgeschichte davor, so bot sich auch in diesem das Wetter als Grundthema zum ewigen Klagegesang über das Leben an. Aber daß es wirklich einen Stich ins Wahnsinnige hatte, wie Kälte, Schnee und Eis sich diesmal in Szene setzten, das spürten zunächst nur jene Leute, die sowieso immer schon alles gewußt hatten. Dann jedoch, im zeitigen Frühjahr, wurde es auch für die Allge-meinheit offensichtlich: Es schien sich auf Kälte einzurichten, dieses Jahr 1951, und das auf eine ganz andere, umfassendere Art, als die einfache, wetterbedingte. Noch jedem Bergarbeiter in Lothringen, an der Ruhr oder im Donbaß, der in der gewohnten tropischen Stickluft von tausend Metern Tiefe mit schwieligen Fingern die gemeinsam mit den Essenkübeln eingefahrene Tageszeitung aufschlug, wurde das jetzt klar. Wie Eisnadeln wehten ihm die Überschriften ins kohleschwarze Gesicht: Globale Katastrophe am achtunddreißigsten Breitengrad bahnt sich an! MacArthur macht die Bombe scharf! Korea überzieht die Welt mit atomarem Winter! Was soll das nun schon wieder?, fragten die Europäer. Haben wir es nicht gerade hinter uns gebracht? Müssen wir jetzt auch noch das Elend auf der anderen Seite der Welt mitmachen? Damit haben wir doch nun wirklich gar nichts zu tun! Oh doch, habt ihr, schien die Welt zu antworten. Habt ihr sehr wohl. Es ist nur die Folge all der Übel, die ihr hier seit Jahrzehnten produziert. Längst haben sie sich von eurem Handeln abgekoppelt, diese Übel. Sie haben ihre eigenen Wege genommen, sind auf eine Erdumlaufbahn eingebogen, und nun schlagen sie euch von hinten ins Genick. Damit ihr es auch glaubt, daß das so ist, hier schon mal ein kleiner, regionaler Vorgeschmack. Lernt frieren! Gesagt, getan. Und so gerieten zum Erstaunen des ganzen Kontinents die Jahreszeiten durcheinander, namentlich auf dessen zentralem Hochaltar, den Alpen. Der Frühling kam nicht, der Winter blieb. Eine neue Eiszeit brach herein. Die Schneedecke schmolz nicht, ganz im Gegenteil: Schneestürme von atemberaubender Stärke ließen sie in Windeseile um Meter wachsen. Zu einer Zeit, da normalerweise die Schneeglöckchen und Krokusse blühen, fanden sich plötzlich ganze Hochtäler mit ihren Dörfern von der Außenwelt abgeschnitten. Aber ehe noch den zugewehten Bewohnern die Lebensmittel ganz zur Neige gehen konnten, radierten Lawinen von nie gekannter Wucht sie mitsamt ihren Dörfern einfach aus. So geschah es im Gurktal und in den Hochtälern von Savoyen, aber auch das Engadin war nicht besser dran. Das obere nicht und nicht das untere. Als dann das Wetter endlich zur Ruhe kam, als ein wunderschönes, weiß glitzerndes Leichentuch über der beinahe unbewohnt aussehenden, stillen Winterlandschaft lag, als die Temperaturen endlich behutsam stiegen und als alle, die oben in den Bergen überlebt hatten, dachten, jetzt müsse man nur noch ein klein wenig warten, bis es nun wirklich überstanden sei – da kamen buchstäblich aus dem Nichts die Grippeviren geflogen. Der Schnee war ihnen kein Hindernis, aber die geschwächten Menschen, sie waren ihnen ein gefundenes Fressen. Ach, man konnte die Toten nicht einmal unter die Erde bringen. In den eiskalten, feuchten Kapellen der Bergdörfer stapelten sie sich. Die Priester, sie mieden ihre unwirtlichen, schwer zugänglichen Arbeitsstätten, und nur manchmal noch zitterte dünner Glockenklang durch die klare Bergluft. Man wollte sie auch gar nicht mehr hören, diese Glocken, die ja doch nur immer wieder den Tod verkündeten. So war es damals, im Frühjahr 1951.


Leseprobe

Montag, 19. März, vormittags

Hier is´n heerlijk oord voor jou!!

Brief Willem Mengelbergs aus Zuort an seine Frau Tilly, 10. August 1910

 

Wie es mir hier oben geht, auf siebzehnhundert Metern Seehöhe? Das fängt ja gut an. Nein wirklich, solche Fragen können nur Zeitungsleute stellen. 

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mir auf siebzehnhundert Metern Seehöhe geht. Nämlich, weil ich hier auf siebzehnhundertelf Metern Seehöhe lebe! Und Sie, der Sie mich so komisch ansehen mit all den Fragezeichen in Ihren Augen, Sie tun das auch auf siebzehnhundertelf Metern Seehöhe. Siebzehn-elf! Ich kann nur hoffen, daß Sie sich ansonsten besser auf unser kleines Gespräch vorbereitet haben. Genauigkeit in allen Dingen gehört zu meinen Grundprinzipien. Schluderei habe ich nie ausstehen können, selbst bei den unwichtigsten Dingen nicht. Also gehen Sie mir bitte nicht mit schlecht recherchierten Fragen auf den Nerv. Ob ich mit stählernen Stäben dirigiere. Ob ich wirklich in Niederländisch-Indien geboren bin, als Sohn eines Kolonialbeamten. Hatten wir alles schon.

Meine Güte, wenn ich dieses Tonbandgerät sehe! Ich hoffe, Sie haben wenigstens genügend Batterien mitgebracht. Mit einer Steckdose kann die gute alte Chasa Mengelberg leider nicht dienen. Müssen Sie einfach wissen! Ja, und Tonbandgeräte haben hier oben kein Glück, das kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen. Sehen Sie, da drüben in der Ecke verstaubt meines, seit Jahren schon. Früher dachte ich immer, ich kann hier oben in aller Ruhe Musik hören. Nämlich, wenn sie mich aus Holland besuchen, dann bringen sie mir immer alte Tonbänder mit, Aufnahmen, die mal von mir gemacht worden sind, von Konzerten und Proben, Sachen, die nie veröffentlicht worden sind. Die liegen da jetzt im Rundfunkarchiv rum. Für die Archivleute sind sie sozusagen Müll. Man gibt ihnen ein paar Gulden, und dann kann man sich die Bänder einstecken. Ich hab die Schränke voll davon. Eigentlich würde es Spaß machen, sie hier oben zu hören. Plötzlich weißt du wieder, wie es damals war. Ein besonders schöner Einsatz der Geigen – und schon fällt dir deine eigene Bewegung dazu ein, die du damals mit dem Stab gemacht hast. Oder du hörst dich selber irgendwas sagen, bei der Probe, meine ich – und schon bist du wieder mittendrin. Du erlebst plötzlich alles noch mal. Ach, diese verrückten Proben! Diese herrlichen Konzerte! Aber dann fängt das Ding plötzlich an zu leiern… aus, der Traum.

Mir wäre es wirklich lieber gewesen, Sie hätten ein Kilo Schreibpapier und zehn Bleistifte mitgebracht. Statt zehn Kilo Batterien und diesen schweren Leierkasten durch die Schneemassen hier hoch zu buckeln. Ich kann Ihnen doch nicht alles doppelt und dreifach erzählen, bloß weil das Ding dauernd stehen bleibt! Ich weiß nicht mal, ob ich Ihnen alles nur ein einziges Mal erzählen kann. Vielleicht kippe ich ja mitten im Erzählen um. Dann können Sie selber den Nachruf für mich aufs Band sprechen. Achtung, Achtung. Wir unterbrechen das Programm für eine Sondermeldung. So in der Art. Ach nein, Sie sind ja von der Zeitung, nicht vom Radio. 

Trotzdem, wissen Sie, was ich denke? Das mit dem Interview zu meinem Achtzigsten, das können Sie vergessen. Es ist noch eine ganze Woche bis dahin, und ich habe so eine Ahnung, daß ich das Stöckchen schon vorher aus der Hand lege. In meiner Zunft gibt man nämlich nicht den Löffel ab, sondern den Stab. Abgang, fertig.

Hören Sie bloß auf abzuwiegeln! Lassen Sie es einfach bleiben. Kann ich denn was für meine Vorahnung? Die werd´ ich ja wohl noch haben dürfen. Oder entscheidet darüber jetzt auch ein Ehrenrat, wie über alles andere, was ich tun und lassen muß? Brauche ich jetzt eine Genehmigung für Vorahnungen? Nein, brauche ich nicht. Schließlich sind wir hier auf Schweizer Boden, nicht in Holland. Hier herrschen ganz normale Zustände. Das muß auch so eine Vorahnung von mir gewesen sein, vor vierzig Jahren, daß ich mich hier niedergelassen habe und nicht in einem der Länder, wo später die Verrückten das Ruder übernommen haben. Dabei war es doch damals gar nicht abzusehen, daß das so kommt. Was bin ich froh, daß ich mich damals für die Schweiz entschieden habe. Was bin ich froh.

Im Übrigen: Noch viel wahrscheinlicher, als daß mir mitten in unserem kleinen Plausch die klapprige Pumpe versagt, ist was Anderes: nämlich, daß mir einfach die Stimme wegbleibt. Sie hören und sehen ja, was mit mir los ist. So eine Grippe, das ist kein Spaß in meinem Alter. Der Doktor sagt, wenn ich nicht aufpasse, handle ich mir ruckzuck eine Lungenentzündung ein. Zack, und ab geht´s! Was meinen Sie, warum ich hier in meinem eigenen Haus mit einem dicken Schal herumsitze? Bestimmt nicht, weil ich ein Künstler bin.

Gestern zum Beispiel, da konnte ich gar nicht reden. Habe Tante Ellie aufschreiben müssen, was sie unten in Schuls für mich einkaufen soll. Stumm sitze ich da und schreibe der Frau einen Einkaufszettel. Schiebe ihn übern Tisch. Jetzt ist sie da unten und besorgt das ganze Zeugs. Dann holt sie ein paar alte Freunde von der Bahn ab, die hierherkommen wollen, mir zu Geburtstag gratulieren. Die Mühe können sie sich sparen! Wie auch immer, es wird eine Weile dauern, bis die alle hier ankommen, und das ist auch der Grund, warum wir zwei uns hier in aller Ruhe unterhalten können. Tante Ellie hätte es nicht erlaubt, daß Sie kommen. Das sage ich Ihnen. Die paßt auf mich auf, ha!

Trotzdem: Was machen Sie mit Ihrem Tonband, wenn ich nicht mehr reden kann, frage ich Sie? Na, zur Not habe ich ein paar Blätter Notenpapier. Die können wir dann so hin- und herschieben. Dabei kann ich wenigstens Tonart und Takt vorgeben.

Überhaupt ist es besser, wenn ich rede, und Sie hören mir einfach nur zu. Da können Sie sich dann herauspicken, was für Sie interessant ist. Sie werden feststellen, daß die Antworten auf alle Fragen dabei sind, die Sie mir hatten stellen wollen. Ja doch! Das ist immer so gewesen, wenn ich mit Kollegen von Ihnen geredet habe. Denn Rest schmeißen Sie einfach weg. Nur auf die Weise wird etwas daraus, glauben Sie mir. 

Ich bin ein notorischer Vielredner, daran ist kein Zweifel. Fragen Sie Toscanini, der hat immer gesagt, daß ich zu viel rede. Aber er selber hat auch viel geredet, vor allem über andere Leute. Ich habe immer nur über die Musik und das Drumherum geredet. Fragen Sie mein Orchester. Die haben nur darauf gewartet, daß ich den Taktstock hebe und sie endlich loslegen können mit dem, was sie meinten von der Musik zu verstehen, die wir gerade einstudieren wollten. Aber zuerst mußten sie meiner Einführung lauschen. Na, ich bitte Sie! Reicht es vielleicht, wenn man nach Noten spielen kann? Anderen reicht das vielleicht, aber nicht mir. Jede Musik hat ihre Geschichte, und die muß man kennen, wenn man sie richtig spielen will. Und diese Geschichte, die steht weiß Gott nicht in den Noten. Du mußt ihnen zuerst die Geschichte erzählen. Dann kannst du sie spielen lassen. 

Und wie die Musik, so ist das ganze Leben. Wirklich, es hat immer zu besseren Ergebnissen geführt, wenn ich einfach reden konnte, und die Anderen haben zugehört und sich herausgepickt, was für sie gut und nützlich war. Auch wenn sie sich beklagt haben über die vielen Worte. Ja, weiß denn ich, was in neunzig Hirnkästen vorgeht, die im Halbkreis um mich herum gruppiert sind? Weiß ich das? Ich weiß es nicht. Weiß ich denn vielleicht, was in Ihrem Hirnkasten vorgeht, ich meine: falls darin etwas vorgeht? Weiß ich auch nicht. Deshalb muß ich alles erzählen. Dann wird am Ende bessere Musik daraus oder auch nur ein besserer Zeitungsartikel. Ich habe immer alles erzählt.

Übrigens wissen Sie ja jetzt, wie es mir auf siebzehnhundertelf Metern Seehöhe geht: mies.

Wie Prometheus? Ich? Ich weiß nicht, wieso gerade ich mir so vorkommen sollte wie der. Nur weil ich hier oben hocke, wird doch aus mir kein griechischer Götterjüngling. Sehen Sie mich an, Menschenskind: ein alter Mann, dem der Rotz aus der Nase läuft. Wenn ich in den Spiegel gucke, und frühmorgens beim Rasieren läßt es sich einfach nicht vermeiden, dann denke ich nicht an Prometheus, das kann ich Ihnen versichern. Früher vielleicht, da hab ich in solchen Sphären geschwebt. Aber eher habe ich da wohl an Orpheus gedacht. Der hat den Menschen die Musik gebracht. Licht hatten sie da wohl schon, sonst hätten sie ja keine Noten lesen können. Na ja, keine Noten vielleicht, aber irgendwas Schriftliches, wie gespielt werden sollte, werden sie auch damals schon gehabt haben. Auf jeden Fall: Orpheus mit der Lyra paßt besser zu mir als Prometheus mit der Fackel. Die Lyra ist das Symbol vom Concertgebouw. Oben auf dem Dach ist eine angebracht. In Amsterdam und hier auf der Chasa auch. Denn wo ich bin, da ist auch das Concertgebouw, oder? 

Andererseits: Prometheus hat den Menschen das Licht gebracht, und er ist dafür von den Göttern bestraft worden, die es lieber in alle Ewigkeit schön schummerig gehabt hätten. Sie haben ihn ans Atlasgebirge gekettet oder an den Ararat oder den Kaukasus, was weiß denn ich, und einen Adler geschickt, der an ihm rumhackt, stimmt´s? Na, irgendwie paßt das am Ende ja doch. Ich habe versucht, ein wenig Licht in die klassische Musik zu bringen, und bestraft worden bin ich auch. Bloß weiß ich nicht, wofür. Wenn ich´s recht bedenke, dann bin ich auch genau wie dieser Prometheus so eine Art Halbgott gewesen für die Leute, eine Zeitlang zumindest. Und demnächst werden die Raben mich fressen, wenn ihr nicht ein paar Steine auf mich draufpackt. Der musikalische Prometheus aus Amsterdam...