Thomas Hartung (D)

Zöpfe, Blutwurst & Kartoffeln

Neue Beobachtungen eines Konservativen


„…Der WDR-Reporter Tuncay Özdamar hatte die Causa auf Twitter kritisiert – sonst wäre sie gar nicht bekannt geworden. „Es wurde Blutwurst serviert. İnşallah halal. Welches Zeichen will Seehofers Innenministerium damit setzen? Ein wenig Respekt vor Muslimen, die kein Schweinefleisch essen, wäre angebracht.” Mehrere deutsche Medien griffen den „Fall“ prompt auf, warfen der deutschen Politik „Unsensibilität“ und mangelndes „Feingefühl“ vor: das „Blutwurst-Gate“ war geboren. 

Blamabel daran ist nicht nur die Tatsache, dass die meisten deutschen Dönerbuden nicht zertifiziert halal sind und nicht einmal das Restaurant im Jüdischen Museum Berlin, das Zehntausende jüdische Besucher hat, koscher kocht. Blamabel daran ist vor allem die Tatsache, dass überhaupt darüber diskutiert wird, dass es in Deutschland Schweinefleisch-Produkte auf einer offiziellen Veranstaltung gibt, an der auch Nichtmoslems teilnehmen…“ (aus „Die Wurst ist Ausdruck für das Ganze“)

Seit dem Erscheinen von Hartungs erstem Band „Wie steht’s um Deutschland“ läuft noch viel mehr schief: Mädchenzöpfe gelten als Kennzeichen rechtsextremer Eltern, Kartoffeln als neues Schimpfwort für die, die schon länger hier leben, und Indianerkostüme gar als rassistisch. In seinen „Neuen Beobachtungen eines Konservativen“ legt Thomas Hartung in gewohnt souveräner Weise den Finger in die Wunden unseres Gemeinwesens, das er in Gefahr wähnt, untherapierbar zu werden.


Zöpfe, Blutwurst & Kartoffeln

Thomas Hartung (D)

Buch, Softcover, 280 Seiten, 21 x 14,8 cm, 1. Auflage, Deutsch, Erscheint: Aug. 2019,

ISBN: 978-3-906212-47-0

Zöpfe, Blutwurst & Kartoffeln (Buch, Softcover)

16,99 €

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Buchpremiere

8. August 2019, 19 Uhr, Café Wartburg, Schulstr. 10, 09125 Chemnitz



ZUm Autor

Dr. Thomas Hartung (*1962 in Erfurt) promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach erst jahrelang als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie über 32 Semester als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig. Eine Professur blieb ihm verwehrt. 

Der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute.

 

Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Als Presse- und PR-Chef verantwortete er alle Publikate von der Pressemitteilung bis zum Fernsehspot und damit auch maßgeblich den Landtags- und vor allem den Bundestagseinzug des Landesverbands als stärkste Kraft vor der CDU. 

 

Vor der Spaltung des PEGIDA-Teams 2015 schrieb er auch für Katrin Oertel, die als erster „Wutbürger-Talkgast von Günter Jauch bekannt wurde. Hartung ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter für Bildung, Wissenschaft, Medien und Kultur der AfD-Fraktion im sächsischen Landtag und Sprecher der „Alternativen Mitte“ Sachsen.


Inhalt

I. Kultur und Gesellschaft

  • „Geheiligt werde dein Name…“ 
  • „an ein ganz anderes Land gedacht“
  • „Bassists against racists“
  • „Er zeigt Menschen wie Bäume und Bäume wie Menschen“
  • Münchens Grüne: vom Protestbürger zum Spießbürger
  • „Vorbildlicher Haltungskarneval“
  • „Ich bin durch Vererbung von Eugenik besessen“
  • Deutsch? Nein, österreichisch!
  • „Und raus bist du“ 
  • „Schlau ist, wer schmächtig wirkt –und dumm, wer stark ist“

 

II. Sachsen

  • „Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie“
  • „Krebs, mein Geliebter“
  • „Eine Geschichtskorrektur“
  • „Beförderung internationaler Gesinnung“
  • „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat“
  • „Schönheit, Rarität und Nutzbarkeit“

 

III. Medien

  • Wir sind, was wir sagen
  • „Wie fotografieren wir einen fliegenden Ton?“
  • „Da stelle mer uns ma janz dumm“
  • „Kartoffel ist eine Beschimpfung geworden“
  • „Ein ganz großer, genialer Wurf“
  • „die Debatten sind hysterisch und vergiftet“
  • „Selbsterlebtes erschien mir nicht immer wichtig“
  • „Unser Kampf ist mein Kampf“
  • „Verantwortungspartnerschaften“

 

IV. Politik

 

  • „Die Wurst ist Ausdruck für das Ganze“ 
  • „Heute erwarte ich keine Jungfrauen mehr im Himmel“
  • „Ich bin nun einmal hoffnungslos konservativ“
  • Unterwegs zur grünen Landesschrifttumskammer
  • „Der wird kein Alleinherrscher“
  • „Zu einem eigenständigen Urteil kommen“
  • Wenn Mielke aus dem Grab aufsteht
  • „Ich habe von Hitler acht Jahre Urlaub bekommen“

 

V. Geschichte

  • „Nachplappern Merkel‘scher Propagandafloskeln“
  • „…ist das sofort, unverzüglich“ „denn die Hoffnung hält uns allein im Leben“
  • „All unsere Männer taugen zu nichts“ 
  • „Jedes Mal war es ein Fest“
  • „Dialektik von Parteilichkeit und Gesetzlichkeit“
  • „Poesie, gezähmt durch Forschung“

 

Zum Autor



Leseproben

I. Kultur und Gesellschaft

 

„Geheiligt werde dein Name…“ 

 

Um die (Um)Benennung von Straßen, aber auch öffentlichen Einrichtungen tobt in Berlin und anderswo ein Kampf der Ideologien. Verlierer sind die deutsche Geschichte und das kontextuelle Weltwissen.

 

Straßenumbenennungen können komische Momente bergen. So in Hamburg, wo 2013 aus der Hindenburg- eine Otto-Wels-Straße werden sollte: zugunsten besorgter Anlieger, die um ihre Adresse fürchteten und immense Kosten auf sich zukommen sahen, bekam nur der unbewohnte Teil der Straße, der durch die stillen Haine des Stadtparks führt, den neuen Namen – der Rest durfte Hindenburg behalten. So teilt sich die Ehrung nun salomonisch zwischen dem Mann, der Hitler zur Macht verhalf, und dem, der ihn als SPD-Chef im Reichstag bis zuletzt verhindern wollte. Mit Straßen(um)benennungen kann man aber viel häufiger ernste politische Interessen verfolgen, um die eigene Ideologie durchzusetzen. Und was hier in Deutschland seit geraumer Zeit passiert, macht in diesem Jahr nicht nur ärgerlich, sondern zornig.

Als Zentrum dieser oft mit öffentlichkeitswirksamen Events verbundenen Namensorgien muss seit geraumer Zeit Berlin gelten. Dabei hat man zunächst zwischen inoffiziellen plakativen und offiziellen realen Umbenennungen zu differenzieren. Das Paradebeispiel für Plakativität ist die Mohrenstraße, in der seit fünf Jahren im August aus Protest ein sogenanntes „Umbenennungsfest“ gefeiert wird: Die Bezirksverordnetenversammlung BVV Mitte hat trotz Engagements der „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“ bis heute keine Umbenennung beschlossen. 

Der Protestgrund ist absurd: „Das Wort Mohr kommt aus dem Griechischen und steht für dumm, einfältig, nicht wirklich intelligent“, behauptet Tahir Della von der Initiative im rbb. In diesen Worten zeigt sich die Ursache vieler dieser Namensorgien: die mit Unkenntnis gepaarte eindimensionale Akzentuierung genau der ideologischen Facette, die man für die eigene Argumentation funktionalisieren kann – unter bewusstem Verschweigen bis Bestreiten aller anderen Facetten. Wären wir in Großbritannien, könnte Della eventuell recht haben: Für William Shakespeares „Othello“ (etwa 1603/04!) wurde 2008 (!) auf eine mögliche (!) Verbindung zwischen englisch „moor“ zu griechisch „μωρός“ (moros) „stumpf; töricht, dumm“ hingewiesen. 

Nicht aber in Deutschland: Das Wort ist im Althochdeutschen des 8. Jahrhunderts in der Form mōr belegt, im Mittelhochdeutschen als mōr oder mōre. Hier bezeichnete es zunächst einen „Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens“, dann auch einen Menschen mit dunkler Hautfarbe, und ist eine Entlehnung aus dem lateinischen Maurus, „Bewohner der nordafrikanischen Provinz Mauretanien“, „Maure, Nordwestafrikaner“. Und die lateinische Bezeichnung Maurus „Maure“ wiederum geht auf griechisch Μαῦρος, Mauros, „Bewohner Mauretaniens“ zurück. „Schwarze Menschen haben Begriffe wie diesen niemals selbst gewählt, um sich zu bezeichnen, sondern weiße Menschen haben das gemacht, im Kontext von Rassismus und Kolonialgeschichte“, zetert Della besserwisserisch. 

„An dem Namen festzuhalten, bedeutet eben, nicht wirklich Rücksicht zu nehmen auf die Gefühle und Verletzungen Schwarzer Menschen“, greint er weiter und fordert, die Straße endlich nach Anton Wilhelm Amo zu benennen. Der war, 1703 geboren, als versklavtes Kind aus dem heutigen Ghana nach Deutschland gekommen, der erste schwarze Professor des Landes und verfasste in Halle seine Dissertation über die „Rechtsstellung der Mohren in Europa“. Deutlicher kann die Umerziehungsabsicht nicht zutage treten: dieser Mann ist bestenfalls akademisches Randwissen, nicht aber Bestandteil des Allgemeinwissens oder gar Treiber der (National)Geschichte. Im schwarzafrikanischen Namibia übrigens hat im Herbst eine Umbenennungswelle von Straßen begonnen, die die Namen deutscher Persönlichkeiten tragen. So soll in Windhuk Johann Sebastian Bach einem Herero-Stammeshäuptling weichen. 

 

„Ein Straßenschild ist keine Volkshochschule“

 

Andere plakative Umbenennungen trafen auf dem Charité-Campus den Sauerbruch- und den Bonhoefferweg. Der weltberühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch gehörte zwar dem „Reichsforschungsrat“ an, wurde 1942 zum Generalarzt des Heeres ernannt und hatte in dieser Position im selben Jahr Mittel für Senfgasversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler bewilligt. Aber er protestierte auch gegen das nationalsozialistische „Euthanasie“-Programm, setzte sich für Juden ein und wurde von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland nur Tage nach Kriegsende im ersten Magistrat für Berlin als Stadtrat für das Gesundheitswesen berufen.

Karl Bonhoeffer, Vater des Theologen und Widerständlers Dietrich Bonhoeffer, habe sich wiederum als Gutachter für „Erbgesundheit“ an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt. Die Beschilderungen wurden von Aktivisten der Studierendengruppe der „kritischen Mediziner*innen Berlin“ überklebt und die Straßen in Käte-Frankenthal-Weg (eine jüdische Ärztin) und Emma-Haase-Weg (eine kommunistische Krankenpflegerin) umgetauft. Ähnlich verfuhr eine sich selbst als „Offenes Antifa Plenum“ (OAP) bezeichnende Gruppe in Dresden, die bereits im Frühjahr insgesamt 10 Straßen und Plätze in drei Stadtteilen in die Namen der NSU-Opfer „umbenannte“. 

Real erfolgreich verlief die Namensorgie nach über zehn Jahren Streit im Afrikanischen Viertel im Wedding, deren Straßen teilweise nach Aktivisten des deutschen Kolonialismus wie Adolf Lüderitz (1834 – 1886) oder Gustav Nachtigal (1834 – 1885) benannt sind. Grüne, SPD und Linke einigten sich auf Namen wie Anna Mungunda, Rudolf Douala Manga Bell und auch auf eine „Maji-Maji-Allee“, mit der an den größten Befreiungskampf der deutschen Kolonialzeit 1905-1907 in „Deutsch-Ostafrika“ erinnert werden soll. Maji-Maji war der Schlachtruf der einheimischen Bevölkerung gegen die deutsche Zwangsherrschaft und steht für einen Wasserzauber. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Heinz Buschkowsky (SPD), dem Ex-Bezirksbürgermeister von Neukölln, platzte der Kragen. „Geschichte ist nun einmal gewesen, wie sie war. Die Benennung nach Personen der Vorzeit ist nicht mit ihrer Heiligsprechung zu verwechseln. Man muss Persönlichkeiten in ihrer Zeit bewerten. Ein Straßenschild ist keine Volkshochschule“, schimpft er in der BILD. „Straßenbenennungen schreiben das Geschichtsbuch nicht um und eignen sich nicht für Klugscheißer mit Wikipedia-Wissen. Sie sind in erster Linie Ordnungsmerkmal und Orientierungshilfe im Alltagsraum.“

Besonders im Fokus der Guten stehen Persönlichkeiten, die man des „Antisemitismus“ zeihen könnte. So fordert der Bezirk Pankow den Senat auf, die Umbenennung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks „nach dem bekennenden Antisemiten“ zu prüfen. Für die Initiative „Sport ohne Turnväter“ steht die Sportanlage mit der Ausrichtung von Veranstaltungen wie den „Respect Gaymes“ der schwul-lesbischen Gemeinde ganz besonders für Offenheit und Toleranz. 

 

Menschenrechte sind nicht standardisiert

 

Letztes Opfer in dieser Reihe: Der Namensgeber der Berliner Hochschule für Technik, Christian Peter Beuth (1781–1853). Der preußische Ministerialbeamte habe nicht nur antisemitische Reden geschwungen, sondern auch die Einschränkung der politischen Rechte der preußischen Juden aktiv befördert, so die Vorwürfe von Achim Bühl, Professor für Techniksoziologie. Er gab auf einer öffentlichen Diskussion zu bedenken, man könne Erstsemestern künftig kaum noch einen Stoffbeutel „mit dem Konterfei eines Rassisten“ überreichen. Ob die Hochschule nach ihm benannt wurde wegen seiner Leistungen bei der Beurteilung des Judentums oder wegen seiner herausragenden Leistungen in den Ingenieurswissenschaften, wurde kaum thematisiert. Die Bürgermeisterin in Beuths Geburtsort Kleve entfernte prompt eine erst 2016 installierte Ehrenplakette von seinem Geburtshaus. 

Im nächsten Jahr soll über eine Umbenennung abschließend entschieden werden. Das Problem: Beuth war Mitglied der „Deutschen Tischgesellschaft“, gegründet unter anderem vom romantischen Schriftsteller Achim von Arnim (1781–1831) und Mitgliedern wie Johann Gottlieb Fichte (1762–1814), denen nicht nur in Berlin Straßen und Plätze gewidmet sind. Auch der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode (1845–1929) war Antisemit, trotzdem trägt eines der bedeutendsten Museen Berlins seinen Namen. Und der Namensgeber der Steglitzer Treitschkestraße, Heinrich von Treitschke (1834–1896), gilt als wichtiger Stichwortgeber des bürgerlichen Antisemitismus. Mit dieser Begründung heißt schon seit 1. Juni die Universität Greifswald nicht mehr nach Ernst Moritz Arndt (1769–1860).

Es ist nicht nur die Polarisierung zwischen schwarz und weiß bei Fehlen jeglicher Grautöne, die betroffen macht. Es ist auch die Frage, wo der gute Name aufhört und der schlechte anfängt. Menschenrechte sind nicht standardisiert und bedürfen einer räumlichen und zeitlichen Ausformulierung. Die aktuelle Form der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stammt aus dem Jahr 1948 und gilt wie alle Regeln nicht rückwirkend. Man kann eine Person nicht für etwas verurteilen, was diese noch nicht einmal begrifflich geschweige denn von der interpretativen Ausdeutung her kannte. Eine normative Rückbewertung von Geschichte – moralisierend, überheblich und gnadenlos – kannten bis dato aber nur die beiden Tiefpunkte der politischen Kultur in Deutschland, die NS- und die DDR-Zeit. 

Offenbar gilt die Regel, dass ein Staat umso mehr die Geschichte für sich instrumentalisieren, umdeuten muss, je weniger zukunftsfähig er ist. Das lässt für den gegenwärtigen Staatszustand Schlimmes ahnen. Zu begreifen, dass mit jedem Namenswechsel auch die kritische Auseinandersetzung mit der jeweiligen Person und damit, wofür sie stand, unmöglich wird, ist für manche aktivistischen Mitbürger offenbar zu viel. Muss man jetzt allen Menschen raten, jeden Schritt, jedes Wort darauf zu prüfen, ob sie nicht gegen mögliche Sittenregeln verstoßen, die erst in 100 Jahren formuliert werden? 


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